Suche & Kontemplation

“Als Künstler muss man von einer Sache wie besessen sein. Besessen im positiven Sinn. Besessen, um einer Sache, einem Gefühl oder einer Frage auf den Grund zu gehen. Nicht stehen bleiben, sondern weiter suchen – in Tiefen und Schichten, in welche sich andere nicht oder kaum hinwagen.

Bei der täglichen Arbeit ist die Technik und das Erlernte an der Kunstakademie nicht zentral, sondern Mittel zum Zweck. Das Wichtigste, das Zentrale sind die Emotionen, die aus den Tiefen der Seele, aus dem Innersten kommen, um eine neue Form – sei es als Bild oder Skulptur – anzunehmen.

Ein von mir geschaffenes Kunstwerk ist für mich, wie in den Spiegel zu schauen und darin mein Ebenbild und meine Art der Weltwahrnehmung wieder zu erkennen.

Der Stier ist ein wiederkehrendes, zentrales Motiv meines Schaffens. Dabei ist es mir wichtig, festzuhalten, dass es mir bei der Repräsentation des Stieres nicht um den Stierkampf oder den Machismus geht. Der Stier mit seiner gewaltigen, schwarzen Masse sowie seiner erstaunlichen Beweglichkeit und Schnelligkeit zieht mich immer wieder in seinen Bann. Zudem besitzen Stiere einen unglaublichen, ja unbändigen Willen. Immerhin – und das ist schon sehr faszinierend – versucht der Mensch seit dem griechischen Altertum den Stier zu zähmen und zu beherrschen. Ohne Erfolg. Anstatt sich zu ergeben, kämpft der Stier bis zu seinem Tod…

Die Faszination durch den unbändigbaren Stier lässt auch Parallelen zum « Künstler sein » in der Diktatur zu. Diktaturen haben schon immer versucht, uns Künstler zu beherrschen oder mundtot zu machen. Und weil sich die wenigsten Künstler beherrschen lassen, werden sie unterdrückt, ja bisweilen sogar getötet.

Doch je länger ich mich mit dem Stier beschäftige, desto mehr Seiten entdecke ich an ihm. Er kann mehr oder weniger abstrakt dargestellt werden und meistens vermittelt er diese Kraft, diese Energie und diese Zielstrebigkeit. Doch manchmal entstehen überraschenderweise Stiere, die etwas Einsames, etwas Verlorenes, manchmal sogar etwas Liebenswertes ausdrücken.

Manchmal ist der Stier aber auch Mittel zum Zweck. Denn neben aller Kraft, Gewalt und Energie, die ich mit einem Stier darstellen kann, steht bei meiner Malerei die Kontemplation im Mittelpunkt. Wenn man den Stier betrachtet, wenn der Blick innehält, Stand hält und über längere Zeit auf dem Stier ruht, dann entwickelt sich eine Art Aura rund um den Stier. Ein optisches Phänomen, das im Betrachter das Gefühl entstehen lässt, der Stier sei lebendig.

Die Kontemplation spielt auch eine wichtige Rolle beim Erarbeiten meiner Bilder. Bevor der Pinsel seinen Weg über die Leinwand bahnt, meditiere ich die Bewegung des Armes und das Bild, das bereits in meinem inneren Auge vorhanden ist. Es ist eine Kombination von Innehalten, von Meditation, von Anspannung und Entspannung zugleich, bevor ich den Pinsel über die Leinwand tanzen lasse. Es ist also keineswegs eine grobe Interaktion mit der Leinwand, wie es das Motiv des Stieres vielleicht vermuten liesse. Im Gegenteil. Die Interaktion mit der Leinwand ist eine meditative.”

Freier Text basierend auf einem Interview mit René Vasquez im April 2013.